Deklaration zu Kinder-Umwelt&Gesundheit
(INCHES Koordinations-Komitee, Washington, September 2001)
Die bekannten Ereignisse verhinderten die Beschlussfassung der Endversion
am letzten Tag der Konferenz in Washington. Diese wurde in elektronischer
Diskussion im Oktober nachgeholt. Die Deklaration wurde in englischer
Sprache verfasst und den Mitgliedern zur Weiterverbreitung überlassen.
Das Original ist auf der Homepage von INCHES (...) nachzulesen. Die
Übersetzung versuchte Hanns Moshammer:
INCHES, ein Netzwerk vieler Organisationen, die auf dem Feld der Kinder-Umwelt&Gesundheit
arbeiten, ist besorgt über die gefährlichen und eventuell
irreversiblen Einflüsse verschiedenster Umweltfaktoren auf die
Gesundheit der Kinder. Wir rufen daher alle Verantwortlichen auf, rasche
und wirkungsvolle Maßnahmen zur nachdrücklichen Reduktion
der Gefahrenpotentiale zu setzen.
Umweltmedizinische Risiken, denen Kinder ausgesetzt sind, werden zunehmend
als bedeutsam erkannt. Daher müssen Kinder vor den Folgen der Umweltschäden
geschützt werden. Die Konvention über die Rechte der Kinder
bestimmt in Artikel 24, § 1, dass Kinder das Recht haben auf den
höchstmöglichen Standard der Gesundheitsvorsorge und auf Zugang
zu Behandlungs- und Rehabilitationseinrichtungen, insbesondere
da sie im Vergleich zu Erwachsenen einem unvergleichlich höheren
Risiko ausgesetzt sind.
Die wissenschaftliche Forschung belegt in zunehmendem Maße den
Umfang der kindlichen Gesundheitsschäden, die durch Umwelteinflüsse
ausgelöst bzw. verstärkt werden können. Beispiele dafür
sind:
· Todesfälle an Asthma bronchiale haben unter den Kindern
und jungen Erwachsenen im letzten Jahrzehnt beträchtlich zugenommen
und Asthma ist nun in vielen Ländern die häufigste Ursache
für Spitaleinweisungen von Kindern mit entsprechenden beträchtlichen
Kosten für die Gesundheitssysteme.
· Kinder, die zuhause Tabakrauch ausgesetzt sind, weisen deutlich
mehr Krankheitstage, Schulfehlzeiten und Tage eingeschränkter Aktivität
auf als andere Kinder.
· Millionen Kinder weltweit im Alter bis 5 Jahre weisen Symptome
von Bleivergiftung auf. Dies betrifft insbesondere Länder, in welchen
Blei immer noch in Benzin und in Farben zugelassen ist.
· Millionen Kinder im Alter bis 12 Jahre leben näher als
5 Kilometer bei einer Sondermüll-Deponie oder sogar auf Mülldeponien.
· Kontamination von Oberflächengewässern gefährden
Kinder, die in diesen Flüssen und Seen spielen oder Fische aus
diesen Gewässern verzehren.
· Vor allem Infektionskrankheiten, die durch Insekten übertragen
werden (wie Malaria), sind durch den Klimawandel und durch geänderte
Landnutzungen wieder auf dem Vormarsch.
· Wüstungen und Entwaldungen wirken sich besonders nachteilig
auf die Gesundheit der Kinder aus.
· Umwelteinflüsse wirken bereits vor der Geburt auf das
Kind ein. Die Belastung Schwangerer mit beständigen Schadstoffen
kann die Entwicklung des Fetus stören und so zu Reifungsverzögerungen
und zu Geburtsdefekten führen.
· Insbesondere Pestizide, aber auch andere beständige organische
und anorganische Schadstoffe werden mit Störungen des Hormonsystems,
des Wachstums und der Organreifung sowie mit neurokognitiver Retardierung
assoziiert.
· Chemikalien stellen für Kinder eine größere
Gefahr dar, da die kindlichen Organsysteme in ihrer Entwicklungsphase
empfindlicher sind und da Kinder relativ zu ihrem Körpergewicht
einen größeren Stoffdurchsatz aufweisen, also mehr Luft atmen,
mehr Wasser trinken und mehr Nahrung zu sich nehmen als Erwachsene.
· Gleichermaßen höher ist ihr Risiko, wenn sie radioaktiver
Strahlung ausgesetzt sind.
· Typische kindliche Verhaltensweisen (Hand-Boden-Mund-Kontakte,
Spielen am Boden, mangelhafte Risikoeinschätzung) bedingen eine
erhöhte Gefahr durch Umweltgifte.
· In mehreren Ländern ist Kinderarbeit immer noch unverzichtbarer
Beitrag zum Familieneinkommen. Dort treten auch Arbeitsplatzrisiken
(sowohl Verletzungen als auch Erkrankungen) in zunehmendem Ausmaß
für die Kinder in Erscheinung.
In Anbetracht dieser Fakten hält INCHES Maßnahmen in folgenden
Bereichen für dringend geboten:
· Der sicherste Weg Kinder vor Umweltrisiken zu schützen
liegt in der Reduktion oder wo möglich vollständigen
Vermeidung der Freisetzung gefährlicher Stoffe in die Umwelt. Insbesondere
sollte bei der Festsetzung von Grenzwerten für Schadstoffe in Umweltmedien
und in Lebensmitteln die besondere Empfindlichkeit der Kinder ausreichend
berücksichtigt werden.
· Der internationale Erfahrungsaustausch auf dem Gebiet umweltbezogener
Kindergesundheit ist zu fördern. Die Problematik muss sowohl bei
den Kinderärzten als auch in der Öffentlichkeit thematisiert
werden, so dass eine kinderfreundliche Einstellung, Verständnis
für und die Bereitschaft zur Lösung dieser Probleme resultieren.
· Gezielte Forschung zum Zusammenhang von kindlichen Krankheiten
und Umweltbelastungen ist zu stimulieren mit den besonderen Schwerpunkten
neurologischer und hormoneller Störungen, wobei die Daten von Vergiftungszentralen
als Ausgangsbasis dienen könnten.
· Regierungen und überstaatliche Institutionen sollten
die von ihnen erstellten Grenzwerte daraufhin überprüfen,
ob sie auch für den Schutz von Kindern ausreichen. Beispiel hierfür
wäre eine zusätzliche Sicherheitsmarge mit dem Faktor 10,
wobei insbesondere Kumulationsgifte wie manche Pestizide besonders streng
zu bewerten sind. Allein 10.000 bestehende Grenzwerte für Pestizide
harren einer Neubewertung.
· Spezielle Projekte zum Schutz der Kinder sind zu fördern.
· Bestehende Projekte, Forschungsvorhaben und Modelle sollten
weltweit effizient bekannt gemacht werden. Hierzu müssen entsprechende
Netzwerke ausgebaut und gefördert werden. Diese Netzwerke sollten
auch dem Erfahrungsaustausch zwischen Wissenschaftern und vor
Ort arbeitenden Institutionen sowie Interessensgruppen fördern.
· Aufklärungskampagnen, welche zu einem nachhaltig umweltverträglichen
und weniger gefährlichen Konsumverhalten anregen, sollten sich
an Familien und insbesondere an Schwangere bzw. auch Mädchen und
Frauen im gebärfähigen Alter wenden. Ebenso sollten ÄrztInnen
und andere Gesundheitsberufe geschult werden, Umweltrisiken zu erkennen
und kompetent Rat und Abhilfe zu bieten.
· Wir sollten die Lehren ziehen aus früheren Katastrophen
(Contergan, DES, Blei, Methylquecksilber), anstatt Kinder immer wieder
als Versuchskaninchen zu missbrauchen.
· Staatliche Sozialprogramme gegen Armut, schlechte Wohnverhältnisse
und sanitäre Missstände sollten besonders auch die Situation
der Kinder mit berücksichtigen.
· Sowohl toxische Chemikalien, als auch physikalische Noxen
wie z.B. radioaktive Strahlung, denen Kindern aus der Umwelt ausgesetzt
sind, und die als Ursache von Krankheiten und Störungen erkannt
sind, sollten reduziert werden, wobei beständige und sich in der
Nahrungskette anreichernde Stoffe vordringlich zu behandeln sind. Ebenso
sind Lebensmittel, Trinkwasser und Verbrauchsgegenstände wie Kinderspielzeug
mit einzubeziehen, wobei jedenfalls das Vorsorgeprinzip angewendet werden
muss, falls die vermuteten Schäden schwerwiegend und/oder irreversibel
sind.
· Das Recht der Öffentlichkeit auf Information über
das Ausmaß der Belastung und der Gefahren muss gestärkt und
durch Produktdeklaration und Schadstoffregister, Emissions- und Immissionskataster
und dergleichen in die Tat umgesetzt werden.
· Eltern, Lehrer und andere Bezugspersonen der Kinder sollten
durch Schulung und mittels entsprechender Trainingsmaterialien auf ihre
Verantwortung aufmerksam gemacht werden. Gleichzeitig sollen Wege und
Möglichkeiten aufgezeigt werden, wie jeder Einzelne die Umwelt
für die ihm anvertrauten Kinder sicherer, besser und gesünder
machen kann.
· Auch die Kinder selbst sollten im Unterricht sowie bereits
auch im Spiel Verständnis für ökologische Zusammenhänge
und wechselweise Vernetzungen sowie soziale Kompetenz erwerben können.
Wenn wir uns jetzt dafür einsetzen, Krankheiten, Leiden und Verletzungen
zu vermeiden, helfen wir nicht nur den Kindern, sondern reduzieren auch
die hohen Folgekosten, die einer Gesellschaft durch kranke Kinder entstehen.
INCHES ruft die Nationen auf zu Verhandlungen mit dem Ziel bindender
Verträge mit überprüfbaren Zielen und Zeitplänen,
wie die den Kindern schädliche Faktoren zu reduzieren oder zu eliminieren
sind.
Gleichzeitig fordert INCHES umgehende Maßnahmen, welche den Schutz
der Kinder verbessern, wo dies dringend geboten und ohne internationalen
Gleichklang sinnvoll möglich ist.
Die Zeit ist reif zu handeln. Die wissenschaftliche Datenlage ist eindeutig
und die möglichen Folgen bedeutsam. Vernunft und Verantwortungsbewusstsein
verlangen nach raschen und wirkungsvollen Antworten.u
Last updated 29 August 2002
[Home] [Join Inches!] [About
Inches] [Inches Activities] [Main
Themes] [Coordination Group]
[Support] [Site Index]